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Fernsehbeitrag Fibromyalgie vom 21.08.2011 - ARD Gesundheitsratgeber
24.08.2011, 15:28
Fibromyalgie
Mehr als eine Phantomkrankheit
Sendeanstalt und Sendedatum: BR, Sonntag, 21. August 2011
Der Schmerz ist wie ein Gespenst - mal fährt er in den Nacken - mal in die Schultern, taucht in den Armen auf oder in den Beinen. Seit 15 Jahren ist er immer da im Leben von Margit Settan - kommt wie aus dem Nichts, Tag und Nacht. Das Fibromyalgie-Syndrom kann das gesamte vegetative Nervensystem betreffen.
Leitsymptome neben den Schmerzen sind Schlafstörungen, allgemeine Erschöpfung und oft Depressionen. Doch damit ist die Liste der möglichen Symptome noch längst nicht am Ende - so die Erfahrung von Fibromyalgie-Spezialisten wie PD Dr. Dr. Eckart Friedel. Er kennt über 100 verschiedene Symptome: vom Kribbeln in den Beinen, über den Reizmagen bis hin zu Herzrhythmusstörungen.
Körperlich gesund - trotz qualvoller Schmerzen?
Patienten leiden oft unter quälender Ungewissheit bis zur richtigen Diagnose. Was sich hinter der verwirrenden Symptomvielfalt verbirgt, ist nicht einfach zu erkennen. Oft vermuten Ärzte, dass der Auslöser psychischer Natur ist. "Das Krankheitsbild ist schon lange bekannt. 1904 ist es zum ersten Mal definiert worden als Fibrositis, später dann gab es andere Begriffe. Wir wissen aber heute, dass es eine chronische Schmerzkrankheit ist, die im Sinne einer Schmerzverstärkung zentral entsteht, also im Gehirn," so der Fibromyalgie-Spezialist PD Dr. Dr. Eckhard Friedel.
Das Fibromyalgie-Syndrom ist seit 1992 von der Weltgesundheitsorganisation WHO anerkannt. Doch die Diagnose ist schwierig. Denn körperlich sind Fibromyalgie-Patienten gesund. Eine Phantomkrankheit, denn weder im Labor, noch im Röntgenbild lässt sich das Syndrom nachweisen.
Der richtigen Diagnose geht deshalb oft eine jahrelange Ärzteodyssee voraus. Dabei ist die Krankheit gar nicht so selten: Zwei bis vier Prozent der deutschen Bevölkerung sind betroffen. Die Fibromyalgie-Patientin Margit Settan meint: "Das Schlimme war dieses nicht annehmen, dieses mir nicht glauben, dass ich den Schmerz habe. Oder mir nicht glauben, dass ich nachts nicht schlafen kann, dass ich deshalb morgens müde, kaputt bin, mein Arbeitspensum nicht mehr bringen kann."
Ursachen der Krankheit liegen im Gehirn
Manchmal zweifelte Margit Settan an sich selbst. Doch mit Einbildung, Wehleidigkeit oder Hypochondrie hat die Krankheit nichts zu tun. Das belegen Experimente zur Schmerzwahrnehmung: Per Magnetresonanztomographie konnte sichtbar gemacht werden, dass bei Fibromyalgie-Patienten schon bei geringen Reizen viel größere Regionen im Gehirn aktiviert waren als bei Gesunden. Der Grund, so PD Dr. Dr. Eckart Friedel: "Eine Hypothese besagt, dass hemmende Systeme, die den Schmerz beim Gesunden bekämpfen können, beim Fibromyalgie-Patienten weniger vorhanden sind, beziehungsweise geschädigt sind, sodass eben der chronische Schmerz sich zu einer Schmerzkrankheit entwickelt."
Stress als Auslöser für das Fibromyalgie-Syndrom
Vermuteter Auslöser für die Schädigung des Nervensystems: Stress - psychisch, sozial und körperlich. Margit Settan arbeitete jahrelang bei der Sicherheitskontrolle am Frankfurter Flughafen - im Schichtdienst. Als dann vor 16 Jahren ihr ältester Sohn tödlich verunglückte, zeigten sich die ersten Symptome. Ein typischer Krankheitsverlauf, so PD Dr. Dr. Eckart Friedel: "Diese Anspannung, wenn sie denn ständig besteht, hat auch muskuläre Auswirkungen. Die Muskulatur ist auch ständig angespannt, der ganze Körper ist in einer latenten Stresssituation. Kommen dann noch auslösende Faktoren hinzu, die den Stress verstärken, dann sind die Kompensationsmechanismen nicht mehr vorhanden, und dann kann das Krankheitsbild in voller Ausprägung vorliegen."
Therapie: Schmerzlinderung und Stressabbau
Fibromyalgie ist nicht heilbar. Nur die Symptome lassen sich lindern - zum Beispiel mit Aquajogging. Denn Wasser und Wärme lindern den Schmerz und ermöglichen so endlich wieder mehr körperliche Bewegung. Eine Erfahrung, die auch Margit Settan gemacht hat:"Man bleibt beweglicher. Und diese Beweglichkeit ist für mich sehr wichtig. Denn durch die Erkrankung wird man irgendwo steif. Im Wasser fällt die Bewegung leichter, und diese Steifigkeit ist dann nicht gegeben."
Körperliche Bewegung hilft gegen den Schmerz, tut aber auch weh. Diesen Kreislauf gilt es zu durchbrechen. Mit fernöstlichen Bewegungstechniken wie Tai Chi und Qi Gong gelingt das besonders gut - weiß der Physiotherapeut Reinhold Rösch: "Die Patienten neigen ja immer dazu, anzuspannen und nicht loslassen zu können. Und Tai Chi ist ja eine langsame Bewegung, eine fließende Bewegung. Durch diese langsame Bewegung erreiche ich eine Entspannung."
Auch eine Psychotherapie kann helfen, neues Selbstvertrauen zu entwickeln und den Umgang mit Stress und Schmerz zu erlernen. Was wirkt, ist individuell sehr verschieden: Das gilt auch für Medikamente. Klassische Schmerzmittel oder niedrig dosierte Psychopharmaka können die Therapie unterstützen, schlagen aber nur bei etwa einem Drittel der Patienten an und haben teilweise gravierende Nebenwirkungen. Margit Settan musste selbst herausfinden, was ihr gut tut. Bei akuten Schmerzschüben ist das vor allem Wärme. Ganz wichtig ist ihr auch das Engagement in der Selbsthilfegruppe. So fühlt sie sich dem Schmerz nicht mehr so ausgeliefert: "Ich will mich nicht selbst bemitleiden, im Gegenteil: Aus dieser ganzen Geschichte Stärke zeigen, das ist für mich wichtig."
Stärke zeigen, auch wenn es schwer fällt, den Schmerzen und der Erschöpfung trotzen und neue Lebensfreude gewinnen - für Fibromyalgie-Patienten ist das entscheidend.
Autor: Winfried Häuser
Dieser Text informiert über den Fernsehbeitrag vom 21.08.2011. Eventuelle spätere Veränderungen des Sachverhaltes sind nicht berücksichtigt.
Quelle: www.daserste.de/ratgeber/gesundheit_beitrag_dyn~uid,aa2uwhotxw8wps7j~cm.asp
-> hier geht's zum Fernsehbeitrag der ARD
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